Juden in Deutschland bis 1933Die Struktur des deutschen Judentums zu Beginn der Nazi-Herrschaft
1933 lebten rund 500.000 Juden im Deutschen Reich - etwa ein dreiviertel Prozent der Gesamtbevölkerung. Viele von ihnen waren sehr gebildet, fast alle stark assimiliert.
Ein großer Teil der deutschen Juden lebte in den Großstädten. Von der beruflichen Struktur her unterschieden sie sich deutlich von der übrigen deutschen Bevölkerung: In der Land- und Forstwirtschaft waren Juden kaum vertreten, in Industrie und Handwerk unterdurchschnittlich viele. Die Mehrheit der deutschen Juden – mehr als sechzig Prozent – war im Bereich Handel und Verkehr tätig, während nur gut achtzehn Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung in diesem Sektor beschäftigt waren. Auch im öffentlichen Dienst und bei privaten Dienstleistungen waren Juden überdurchschnittlich oft tätig, der Anteil an Akademikern war sehr hoch, viele von ihnen waren Ärzte, Rechtsanwälte oder Professoren. Starke AssimilierungDie meisten Juden in Deutschland hatten sich in den Jahrzehnten seit der Emanzipation in starkem Maße an ihre Umgebung assimiliert. Sie sprachen ganz selbstverständlich Deutsch, spielten in der Kultur und im Journalismus, in den Naturwissenschaften und in der Medizin eine bedeutende Rolle. Sie hatten sich zu einem hohe Grad an die deutsche Kultur angeglichen und neigten dazu, traditionelle Werte und ihre Religion aufzugeben. Ihre jüdische Identität war größtenteils religiös und nicht national definiert, sie sahen sich als „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Der Zionismus, die moderne jüdische Nationalbewegung, war in Deutschland lange Zeit eine rein „akademische Angelegenheit“ von Minderheiten, wurde von vielen deutschen Juden abgelehnt oder sogar bekämpft, da er von ihnen als Gefahr für ihre bürgerliche Stellung, für ihre schwer erkämpfte Emanzipation und Gleichberechtigung angesehen wurde. Der Anteil der Zionisten unter den Juden Deutschlands war zu Beginn der dreißiger Jahre gering. Eine genaue Zahl lässt sich zwar nicht nennen, die „Zionistische Vereinigung für Deutschland“ jedoch hatte zu der Zeit lediglich zwanzigtausend Mitglieder – dass heißt, dass nur etwa vier Prozent der deutschen Juden zionistisch organisiert waren. Juden aus OsteuropaEin beachtlicher Anteil der Juden, die zu Beginn der dreißiger Jahre in Deutschland lebten, war in den Jahrzehnten zuvor aus osteuropäischen Ländern in das Deutsche Reich eingewandert. Bis zum Ersten Weltkrieg wird deren Zahl mit etwa 51.000 angegeben, 1925 wurden in Deutschland 90.000 Juden aus osteuropäischen Ländern gezählt. Auslöser für diese Wanderungsbewegung – die neben Deutschland vor allem die USA, England, Argentinien und Palästina zum Ziel hatte – waren vor allem Pogrome in Russland Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch eine schon lange währende Bewunderung für Deutschland, das als „Land der erleuchteten Männer des Geistes“ wie Lessing und Schiller, als Land der Kultur und Bildung, der geordneten Gesellschaft galt. Um diesem Ideal näher zu kommen, hatten viele Juden Osteuropas die deutsche Sprache gelernt, bemühten sich um Zulassung an deutschen Universitäten und technischen Hochschulen. Flucht aus DeutschlandZwar setzte direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 eine erste Auswanderungswelle von Juden aus Deutschland ein – die Mehrheit jedoch war zunächst entschlossen, der Naziherrschaft standzuhalten und in ihrer Heimat zu bleiben. Viele glaubten daran, dass der „Spuk“ bald zu Ende sei – und sahen keine zwingende Notwendigkeit, ihre gesicherten beruflichen und sozialen Positionen und ihre kulturellen Wurzeln in Deutschland aufzugeben und in eine unsichere Zukunft auszuwandern. In einer ersten Fluchtwelle im Jahre 1933 verließen insgesamt 37.000 Juden Deutschland – gut sieben Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung. Neben überzeugten Zionisten, die vermutlich ohnehin früher oder später nach Palästina ausgewandert wären, waren dies vor allem diejenigen, die aus politischen Gründen besonders gefährdet waren – Politiker, Schriftsteller, Journalisten, Künstler. In den darauf folgenden Jahren sank die Zahl der auswandernden Juden, erst in der zweiten Jahreshälfte 1938 war wieder ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Für viele war es alles andere als selbstverständlich, nach Palästina zu gehen. Von den etwa 500.000 Juden, die 1933 im Deutschen Reich gelebt hatten, gelang im Laufe der Naziherrschaft etwa 300.000 die Flucht oder Auswanderung – nach Palästina emigrierte nur etwa jeder Fünfte von ihnen.
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